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Zur Person

"Mit Ende 40 möchte man nochmal ganz neu anfangen", sagte mir vor vielen Jahren meine Mutter - das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich konnte mir noch nicht einmal vorstellen, dass ich dieses Alter je erreiche und schon gar nicht, dass dies schön sein könnte, wie sie mir versicherte.

Es ist tatsächlich wahr.

Sehbehindert geboren, wurden Contactlinsen im Alter von 7 Jahren mein Tor zur Welt. Nach dem Abitur studierte ich Sprachen.

In dieser Zeit habe ich - da immer im Raum stand, dass ich eines Tages erblinden könnte - mir soviel angeschaut wie ich nur konnte. Meine Begabung war einseitig sprachlich, also nutzte ich sie, lernte Sprachen und reiste viel. Ich habe Frankreich, die Türkei und zuletzt die USA in den Semesterferien bereist. Ich erwarb Grundkenntnisse des Japanischen, Arabischen, Türkischen, erweiterte Kenntnisse des Englischen. Meine Hauptsprache neben dem Deutschen war das Französische.

1989 fiel die Mauer und damit mein Studium, denn ich konnte es nicht mehr finanzieren. Der Arbeitslohn pro Stunde sank ins Bodenlose.

Also sattelte ich um und arbeitete viele Jahre - mehr oder weniger erfolgreich - als Sekretärin. Geld kam wieder ins Haus. Gewünscht habe ich mir etwas völlig anderes, ich wollte von klein auf Dolmetscherin werden.

Mitte der 90er Jahre wurde ich schwerhörig. Die Arbeit war damit nicht mehr zu schaffen, denn es ist fatal, wenn die Sekretärin immer als Letzte und nur ungefähr bescheid weiß. Ende der 90er bekam ich mein erstes Hörgerät. Nun hatte ich wieder ein Tor zur Welt.

1998 trat dann auch die (gesetzliche) Erblindung ein. Dank sehr guter Freunde aber auch dank der eigenen Initiative bin ich direkt in eine berufliche Rehamaßnahme gekommen. Die Liebe kam zu mir und ich fand in der Reha meinen jetzigen Lebenspartner, der ebenfalls gesetzlich blind ist aber gut hört. Der berufliche Teil der Reha war zu schwer und ich habe im Jahr 1999 einen Antrag auf Erwerbsunfähigkeitsrente gestellt. Die Rente wurde nach einigen Jahren bewilligt.

Was nun, dachte ich. Während der Reha hatte ich Blindenschrift gelernt, ebenso wie einen Computer mithilfe eines Screenreaders zu bedienen. Computer sprechen Computersprachen, sind also für Sprachbegabte geeignet. Nun sprach mein Computer mit mir.

Schon während der Reha habe ich einen Führhund beantragt, so dass mein Hund schon fertig war, als ich wieder nach Hause kam. Mobil war ich, also rein ins Getümmel. Ich versuchte, mich in der Blindenselbsthilfe zu engagieren. Das gab ich wieder auf, weil ich inzwischen zu schlecht hörte. In der Führhundszene gibt es so viele Meinungen wie Menschen - zu viele unter ihnen konnten zwischen Meinung und Mensch nicht unterscheiden. Kein Pflaster für mich.

Die Einschränkungen nahmen zu und meine Belastbarkeit immer mehr ab. Was nun, kleine Frau? Zu Hause versauern war keine Alternative. Einkaufen war ein Kraftakt, ein Treffen mit Freunden ebenfalls (Hörbehinderung), schließlich wurde sogar das Telefonieren zu schwierig. Alles ging noch irgendwie, war aber übermenschlich anstrengend. Ich wurde sehr krank, weil ich in der Defensive einfach nichts zu suchen hatte und habe. Ich sah keine Alternative.

Während der Gesundung machte ich meinen Frieden mit mir selbst. Die drei Lichtblicke in meinem Leben waren mein Führhund, mein Partner und mein Computer. Wir zogen "auf den Berg", so dass der Wald wieder erreichbar wurde. Ich bezähmte meine Abneigung gegen die Hausarbeit und nahm meinen Job als Hausfrau endlich nicht mehr so schwer.

Zufällig fand ich die Fachgruppe Taubblinde und Hörsehbehinderte des BSV NRW. Mein Leben wurde schlagartig bunter und schöner und ich lernte, wie man mit Assistenz das Leben meistern kann. Ich lernte das Lormen und - schwupps! - war ich integriert. In der Fachgruppe komme ich gut zurecht und die Menschen, die ich dort treffe, wissen, worauf es bei der Kommunikation ankommt. Einmal jährlich verreisen wir zusammen, das ist für mich immer der Höhepunkt des Jahres!

Cirka 1 Jahr später wollte ich wissen was ein Chat ist. So stolperte ich beim Surfen über eine Homepage, die einen barrierearmen Chat vorhielt. Ich ging rein. Mir wurde ziemlich schnell klar, dass ein Chat mein heißgeliebtes Telefon ersetzen konnte. Mails können das nicht, denn sie sind immer eine Nachricht ohne direkte Rückmeldung. Mit Feuereifer machte ich mich daran, zu erkunden, was ein Chat ist und wie man ihn bedient. Dann schrieb ich meine erste Mail an meinen späteren Freund, Mentor und Lehrer, Fritz Weisshart, und stellte meine Idee vor.

Jetzt kann ich sogar wieder lernen, das hatte mir so gefehlt! Ich bewohne mein Leben wieder eigenständig und habe oft soviel Spaß am Leben, dass ich davon abgeben möchte. Die Brücke ist mein Chat.